Jadwiga Emilewicz: "Diese Krise ist eine neue Chance für Europa"
Polen könnte die Corona-Krise wirtschaftlich relativ gut überstehen. Die polnische Wirtschaftsministerin Emilewicz spricht im DW-Interview über die Aussichten für ihr Land und die
Konsequenzen für die EU Jadwiga Emilewicz: Wenn ganze Staaten und Wirtschaftszweige unter Quarantäne gesetzt werden, kann kein Instrument, weder Fiskal- noch Geldpolitik, etwas bewirken. Aber die ersten Daten, wie die polnische Wirtschaft diese schwierige Zeit überstehen wird, sind gemäßigt optimistisch. Wir haben nach den ersten Wochen des "Einfrierens" angenommen, dass die Arbeitslosigkeit viel höher steigen wird. Wobei man sich klarmachen muss, dass wir unter Corona-Bedingungen unter extremer Unsicherheit leben. Aber es scheint, dass eine Wirtschaft, die sich stark auf kleine und mittlere Firmen stützt und für die der Binnenmarkt eine Basis ist, sich in der Krise bewährt. Sie haben einmal gesagt, Polen könnte von der Krise sogar profitieren. Ist das noch aktuell? War die Antiglobalisierungsbewegung bislang eine eher soziale Bewegung am Rande des politischen Lebens, so finden heute reale Deglobalisierungsprozesse statt. In den neuen Plänen der Europäischen Kommission zum Wiederaufbau lautet einer der ersten Sätze, es gelte, Sicherheit neu zu definieren. Sicherheit ist nicht nur Militär und Material, Öl und Gas, sondern, wie wir jetzt sehen, auch Gesichtsschutz, Schutzkleidung, Desinfektionsmittel - deren Herstellung wir in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach aus Europa hinausgeführt haben. Der Neuaufbau lokaler Wertschöpfungsketten wird das Merkmal mindestens der nächsten zehn Jahre sein. Und da haben wir unsere Kompetezen. Es gibt in Polen viele Subunternehmer in der Auto- oder Möbelindustrie, die vor allem für den deutschen Markt produzieren. Unsere Informatiker arbeiten für viele Märkte der Welt. "Deglobalisierung" bedeutet weniger China, aber mehr Deutschland - oder ohne Deutschland?
Polen Corona-Krise - Landwirtschaftssektor Polens Bauern liefern viel an den heimischen Markt Zu Beginn der Pandemie hieß es wegen der Quarantäne, dass in Polen Lebensmittel knapp werden würden. Aber Polen ist einer der größten Lebensmittelproduzenten in Europa. 85 Prozent der Lebensmittel auf dem polnischen Markt werden in Polen hergestellt. Wir haben die ganze Kette, vom Acker bis zum Tisch. Aber wir bekamen damals Anrufe aus Portugal, wo der Lebensmittelmarkt auf Import basiert, wieviel wir instande sein werden zu liefern. Sie fragen, ob es nur Polen sein wird. Nein, denn wir sehen an den Erklärungen von Macron, Merkel oder meinem Kollegen Altmaier, der auch sagt, wir wollen sehen, welche Sektoren wir zurückholen können: Ziel und Sinn der Europäischen Union gewinnen neue Bedeutung. Vorsichtige Grenzöffnungen geplant Die polnischen Grenzen sind nach wie vor schwer durchlässig. Wie sehr hat das nach Ihren Erfahrungen der Wirtschaft geschadet? In unserem Ministerium meldeten sich viele Arbeitnehmer aus den grenznahen Bereichen, die in Deutschland, Tschechien oder Litauen arbeiteten und ihre Arbeit verloren haben. Jetzt beginnt die Zeit der Saisonarbeiter. Geschlossene Grenzen sind ein enormes Problem vor allem für die Länder, in denen der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig ist. Wir denken über eine Öffnung um den 15. Juni nach, aber das muss sehr vorsichtig geschehen, unter Bewahrung sozialer Distanz, Gesichtsschutz, oder mit Tests.
Konsequenzen für die EU Jadwiga Emilewicz: Wenn ganze Staaten und Wirtschaftszweige unter Quarantäne gesetzt werden, kann kein Instrument, weder Fiskal- noch Geldpolitik, etwas bewirken. Aber die ersten Daten, wie die polnische Wirtschaft diese schwierige Zeit überstehen wird, sind gemäßigt optimistisch. Wir haben nach den ersten Wochen des "Einfrierens" angenommen, dass die Arbeitslosigkeit viel höher steigen wird. Wobei man sich klarmachen muss, dass wir unter Corona-Bedingungen unter extremer Unsicherheit leben. Aber es scheint, dass eine Wirtschaft, die sich stark auf kleine und mittlere Firmen stützt und für die der Binnenmarkt eine Basis ist, sich in der Krise bewährt. Sie haben einmal gesagt, Polen könnte von der Krise sogar profitieren. Ist das noch aktuell? War die Antiglobalisierungsbewegung bislang eine eher soziale Bewegung am Rande des politischen Lebens, so finden heute reale Deglobalisierungsprozesse statt. In den neuen Plänen der Europäischen Kommission zum Wiederaufbau lautet einer der ersten Sätze, es gelte, Sicherheit neu zu definieren. Sicherheit ist nicht nur Militär und Material, Öl und Gas, sondern, wie wir jetzt sehen, auch Gesichtsschutz, Schutzkleidung, Desinfektionsmittel - deren Herstellung wir in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach aus Europa hinausgeführt haben. Der Neuaufbau lokaler Wertschöpfungsketten wird das Merkmal mindestens der nächsten zehn Jahre sein. Und da haben wir unsere Kompetezen. Es gibt in Polen viele Subunternehmer in der Auto- oder Möbelindustrie, die vor allem für den deutschen Markt produzieren. Unsere Informatiker arbeiten für viele Märkte der Welt. "Deglobalisierung" bedeutet weniger China, aber mehr Deutschland - oder ohne Deutschland?
Polen Corona-Krise - Landwirtschaftssektor Polens Bauern liefern viel an den heimischen Markt Zu Beginn der Pandemie hieß es wegen der Quarantäne, dass in Polen Lebensmittel knapp werden würden. Aber Polen ist einer der größten Lebensmittelproduzenten in Europa. 85 Prozent der Lebensmittel auf dem polnischen Markt werden in Polen hergestellt. Wir haben die ganze Kette, vom Acker bis zum Tisch. Aber wir bekamen damals Anrufe aus Portugal, wo der Lebensmittelmarkt auf Import basiert, wieviel wir instande sein werden zu liefern. Sie fragen, ob es nur Polen sein wird. Nein, denn wir sehen an den Erklärungen von Macron, Merkel oder meinem Kollegen Altmaier, der auch sagt, wir wollen sehen, welche Sektoren wir zurückholen können: Ziel und Sinn der Europäischen Union gewinnen neue Bedeutung. Vorsichtige Grenzöffnungen geplant Die polnischen Grenzen sind nach wie vor schwer durchlässig. Wie sehr hat das nach Ihren Erfahrungen der Wirtschaft geschadet? In unserem Ministerium meldeten sich viele Arbeitnehmer aus den grenznahen Bereichen, die in Deutschland, Tschechien oder Litauen arbeiteten und ihre Arbeit verloren haben. Jetzt beginnt die Zeit der Saisonarbeiter. Geschlossene Grenzen sind ein enormes Problem vor allem für die Länder, in denen der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig ist. Wir denken über eine Öffnung um den 15. Juni nach, aber das muss sehr vorsichtig geschehen, unter Bewahrung sozialer Distanz, Gesichtsschutz, oder mit Tests.


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